Zum Gruseln – Die 10 aussichtsreichsten AfD-KandidatInnen in Baden-Württemberg

Aufgrund des … ehem … gewöhnungsbedürftigen Wahlrechts in Baden-Württemberg ist es deutlich schwieriger vorauszusagen, welche KandidatInnen einer Partei in den Landtag einziehen werden. In Baden-Württemberg gibt es statt Wahllisten nur WahlkreisbewerberInnen. Alle GewinnerInnen in den einzelnen Wahlkreisen ziehen in den Landtag ein. Die restlichen Sitze werden an die unterlegenen WahlkreiskandidatInnen vergeben und zwar nach Parteien getrennt in der Reihenfolge ihrer relativen Stimmenanteile an den Stimmenzahlen aller BewerberInnen im Wahlkreis (eine ausführlichere Betrachtung findet sich hier.

Während bei einem Wahlsystem mit Wahllisten zuminest die ersten Plätze mehr oder weniger gesetzt sind (vorausgesetzt die Partei knackt die 5%-Hürde) richtet sich dies in Baden-Württemberg nach dem relativen Anteil dieser Partei in den einzelnen Wahlkreisen. Die Folge davon ist, dass KandidatInnenn die in Wahlkreisen antreten, in denen ihre Partei stark ist, deutlich größere Chancen haben, in den Landtag zu kommen, als solche, die in schwierigen Wahlkreisen antreten.

Was bedeutet dies nun für die AfD in Baden-Württemberg?
Angesichts der momentanen Umfragewerte ist damit zu rechnen, dass die AfD zwischen 12 und 19 Mandaten im Landtag erlangen wird (bei einem Afd-Stimmenergebnis zwischen 10% und 14%, sowie einer Landtagsgröße von 120 bis 140 Abgeordneten).
Die Seite keinealternative.blogsport.de hat sich dankenswerterweise die Mühe gemacht zu allen in Baden-Württemberg antretenden AfD-KandidatInnenn zu recherchieren, zu welchen Gruppierungen innerhalb der Partei diese gehören und mit welchen geistigen Ergüssen sie bisher in Erscheinung getreten sind. Hierbei lässt sich zumindest eine grobe Einschätzung der Radikalität der Kandidaten erahnen.

Besonders wichtig für die Verortung der KandidatInnen sind hier insbesondere die Unterzeichnung der Erfurter Resolution initiert von Bernd Höcke und André Poggenburg sowie die Mitgliedschaft im christlich-fundamentalistischen Pforzheimer Kreis.

Angesichts der Ergebnisse der Europawahl lässt sich ungefähr abschätzen, wo die stärkeren und schwächeren Gebiete der AfD liegen. Dass es sich hier nur um eine Extrapolation handelt, die nur dann vernünftige Ergebnisse liefert, wenn die relative Stärke der AfD in den einzelnen Wahlkreisen ungefähr gleich bleibt, liegt auf der Hand (insbesondere die Abspaltung von ALFA könnte hier durchaus einiges durcheinander gewirbelt haben). Darüber hinaus stimmen die Wahlkreise nicht genau mit den Landkreisen überein, die Übereinstimmungen sollten aber gut genug sein, dass die Schlüsse trotzdem einige Aussagekraft haben.

Hier also die 10 aussichtsreichesten AfD-Kandidaten sortiert nach den Ergebnissen ihrer Partei bei der Europawahl 2014. Ergänzt wurden die Informationen mit den oben erwähnten Rechercheergebnissen von keinealternative.blogsport.de

Wahlkreis 42 – Pforzheim
Europawahlergebnis: 14,5%
Kandidat: Dr. Bernd Grimmer
Dr. Bernd Grimmer ist Vorstandsmitglied des „Pforzheimer Kreis“, ist Mitglied im deutschtümelnden „Verein Deutsche Sprache“ und Unterzeichner der „Erfurter Resolution“. Er ist außerdem stellv. Sprecher der Afd Baden-Württemberg.

Wahlkreis 44 – Enz
Europawahlergebnis: 11,5% (Enzkreis)
Kandidat: Bernd Gögel
Bernd Gögel ist Unterzeichner der „Erfurter Resolution“.

Wahlkreis 43 – Calw
Europawahlergebnis: 10,3%
Dr. Heinrich Kuhn
Leugnet den vom Menschen gemachten Klimawandel.

Wahlkreis 15 – Waiblingen
Europawahlergebnis: 10,1% (Rems-Murr-Kreis)
Kandidat: Stephan Schwarz
Stephan Schwarz aus Schwaikheim war Interviewpartner des extrem rechten Magazins „Zuerst!“ und ist offenbar Mitglied im deutschtümelnden „Verein Deutsche Sprache“.

Wahlkreis 16 – Schorndorf
Europawahlergebnis: 10,1% (Rems-Murr-Kreis)
Kandidat: Martin Huschka
Bezeichnet sich selbst als „National-konservativ-liberal“.

Wahlkreis 17 – Backnang
Europawahlergebnis: 10,1 % (Rems-Murr-Kreis)
Kandidat: Prof. Dr. Jörg Meuthen
Meuthen lehnt die gleichberechtigte Homo-Ehe ab. Er ist Sprecher im Landesvorstand Baden-Württemberg und Bundessprecher der AfD. Zusätzlich kandidiert er im Wahlkreis 30 – Bretten

Wahlkreis 35 – Mannheim I
Europawahlergebnis: 9,7% (Mannheim)
Kandidat: Rüdiger Klos
Rüdiger Klos ist Unterzeichner der „Erfurter Resolution“ und stellv. Sprecher der AfD in Baden-Württemberg.

Wahlkreis 36 – Mannheim II
Europawahlergebnis: 9,7% (Mannheim)
Kandidat: Robert Schmidt
Robert Schmidt ist Unterzeichner der „Erfurter Resolution“.

Wahlkreis 33 – Baden-Baden
Europawahlergebnis: 9,1%
Kandidat: Joachim Kuhs
Hans Joachim Kuhs ist laut Impressum Verantwortlicher der Website der „Patriotischen Plattform”. Er ist auch Mitglied des „Pforzheimer Kreis“ und der „Christen in der AfD“. Außerdem nahm er 2014 am christlich-fundamentalistischen „Marsch für das Leben“ in Berlin teil.

Wahlkreis 5 – Böblingen
Europawahlergebnis: 8,9%
Kandidat: Dr. Markus Widenmeyer
Widenmeyer stammt aus den Reihen der christlich-fundamentalistischen Kleinstpartei „Arbeit Umwelt Familie – Christen für Deutschland“ (AUF-Partei). Er war zeitweise sogar zweiter stellvertretender Bundesvorsitzender der AUF-Partei. Ebenso kandidierte er bereits als AUF-Kandidat für Böblingen.
Weiterhin ist bekannt, dass er 2011 als Referent für Organisation „Die Wende – Aktion zur geistig-kulturellen Erneuerung Deutschlands aus seinen christlichen Wurzeln“ in Erscheinung trat.

Was zeigt uns diese Sortierung?
Die 10 aussichtsreichsten Kandidaten der AfD zeigen deutlich, wie sehr der (für AfD-Verhältnisse) moderat geführte Wahlkampf in Baden-Württemberg trügt. Außer dem konservativen Feigenblatt Meuthen und dem selbsternannten National-Konservativ-Liberalen Huschka finden sich hier neben dem Who-is-who des „Pforzheimer Kreises“ Unterstützer der „Erfurter Resolution“ sowie mit Kuhn ein Kandidat, der überzeugt ist, dass der Klimawandel die Erfindung einer amerikanischen Werbeagentur sei. Dass unter den 10 Kandidaten keine einzige Frau ist, verwundert dann auch nur bedingt.

Wen es nach dieser Zusammenstellung auch so gruselt, vielleicht sieht man sich ja auf der nächsten Anti-AfD-Demonstration 🙂

 

 

My year in books 2015

Since Goodreads has a nice feature to display the books one has read in any given year, I thought I delve a bit into the books I read in the year 2015.

These are all the books I read in 2015: My year in books 2015

Wow, quite a few books 🙂

First, lets get the statistical stuff out of the way:

How many, exactly? –  96 books, which comes to about a book every 4 days. A bit down from the 114 books I read in 2014.

Turn the pages –  33,808 pages read. Average page length of 365 pages/book

Who has the time? – Calculation my average reading speed of about 50 pages/hour this comes to 28 days and 4 hours reading. About 1 hour and 50 minutes per day on average.

Sprechen Sie Deutsch? – 9 books I read were in German, 87 were in English

Little Boxes – 28 books were Science Fiction, 26 were Fantasy, 13 were Literary Fiction, 9 were Urban Fantasy, 7 were Non-Fiction, 4 were Young Adult, 4 were mixed short story collections, 3 were New Weird, 2 were Horror. Yep, I still mostly read Sci-Fi and Fantasy, even though Literary Fiction was slightly up from last year.

Cutting Edge – 21 books were published in 2015, 75 were older books

Well, were they any good? – I gave five stars to 22 books, four stars to 37 books, three stars to 21 books, two stars to 11 books, one star to 5 books. It looks like I mostly like what I read. Or mostly read what I like. Either way is good 🙂

But who cares about numbers, what about the BOOKS?

The best Non-Fiction: Capital in the 21st century by Thomas Piketty

capital

This was surprisingly competitive given that I didn’t read that much Non-Fiction this year. Still, Piketty takes this one for making a clearcut argument how unrestricted capitalism leads to extreme inequality. Not much to challenge my own political convictions, but it might actually help in shifting the mainstream economics into a saner direction. Surprisingly readably for what is basically an economics textbook.

Runner-up Non-Fiction: Homage to Catalonia by George Orwell

homage

Still the best read about the Spanish Civil War. Crucial to understanding Orwell’s sharp opposition to Soviet-style Communism in his later books, too.

Worst Non-Fiction:Der islamische Faschismus – Eine Analyse (Islamic Fascism) by Hamed Abdel-Samad

faschi

Unscientific to the extreme, intellectually dishonest and pandering to the islamophobia of the German non-muslim majority. This book has no redeeming qualities at all.

Best Literary Fiction: Spieltrieb by Julie Zeh

spieltrieb

A disturbing look at two basically sociopathic young adults. Tempered by wonderful language this one hit home and stayed with me.

Best Science-Fiction: Seveneves by Neal Stephenson

seveneves

This 880 page monster shows how good hard science fiction can be if done right. Dense, at times even technical,this realistic look at near future space travel morphs into far future space opera spanning a thousand year period. A must read for anyone who calls himself a Science Fiction fan.

Weirdest book: The First Bad Man by Miranda July

firstbadman

This one all rests on the incredible fucked up protagonist. There is not much you can say about the book without spoiling it, but get it if you like a little weird in your life. This could have crashed and burned so easily, but somehow Miranda July pulls it off.

Worst Book: The Subprimes by Karl Taro Greenfeld

subprimes

They say the ones we love are the ones that can most easily hurt us. This book should have been everything I love: Postapocalyptic World, anarchist politics, a strong female protagonist.
Preachy beyond even my ability to enjoy, card-board characters and a deus-ex-machina ending that was simply insulting to the reader. Ouch. This one hurt.

Runner-up Best Book: Lifelode by Jo Walton

lifelode

There should be more of this kind of book. Christened „Domestic Fantasy“ by Sharyn November this book is quiet, but packs an incredible emotional punch nonetheless. Jo Walton is simply a master. Unfortunately this is out of print and not even available in ebook form.

Best Book: The Fifth Season by N.K. Jemisin

fifths season

N. K. Jemisin’s best work so far. This book tells a single story via three different viewpoints in a fascinating fantasy world. The themes are heavy (Slavery, Racism, Sexism), but it is told in a crisp, sharp, understated way without even the slightest hint of preachiness. The  marriage of forceful plot,unique structure and awesome characters is what makes this one the definite best book of 2015.

 

 

 

 

 

Unrechtsstaat USA

Sanford, Florida. Am 26. Februar 2012 erschießt der 28jährige George Zimmerman den unbewaffneten, 17jährige Schwarzen Trayvon Martin mit einer Pistole vom Typ Kel Tec PF9. Vor der Tötung hatte Zimmerman, ein freiwilliger Nachbarschaftswächter, die Polizei per Telefon aus seinem Auto davon informiert, dass er einen „verdächtigen Typen“ gesehen habe. Zimmerman vermutet, dass dieser etwas mit einer Reihe von Einbrüchen zu tun hat, die in der Nachbarschaft begangen wurden. Er flucht, dass „diese Arschlöcher immer davon kommen“. Obwohl der Polizist am anderen Ende der Leitung ihm sagt, dass er er Trayvon nicht folgen soll, verlässt Zimmerman das Auto und beendet dann das Gespräch. Drei Minuten später ist Trayvon Martin tot, mit einer einzelnen Kugel im Herz. George Zimmerman erklärt der eintreffenden Polizei, dass Tayvon Martin ihn angegriffen hat und er ihn in Selbstverteidigung erschossen hat. Die Polizei lässt verlauten, sie habe keinen Grund an Zimmermans Version zu zweifeln und entlässt ihn noch in der selben Nacht aus der Haft.

Erst nach massivem, öffentlichen Druck kommt überhaupt eine Anklage zustande. Der Prozess beginnt im Juni 2013, Zimmerman bleibt vor und während des Prozesses auf Kaution frei. Am 13.Juli 2013 erklärt die Jury George Zimmerman nach einer Beratung von 16 Stunden für unschuldig. In der Jury sitzt kein Schwarzer, fünf Weiße und eine Lateinamerikanerin. George Zimmermans Mutter ist lateinamerikanisch, sein Vater ist weiß.

Ein anderer Fall, im gleichen Bundesstaat, 1. August 2010. Die 31jährige Marissa Alexander feuert einen einzelnen Warnschuss, als sie versucht ihrem gewalttätigen Ehemann zu entkommen, nachdem dieser die Kurznachrichten gelesen hat, die sie ihrem Ex-Mann geschickt hatte. Am 12. Mai 2012 wird Marissa Alexander zu einer Haftstrafe von 20 Jahren verurteilt. Die Jury lässt sich für ihre Beratungen ganze 12 Minuten Zeit. Marissa Alexander ist schwarz.

Nur zwei einzelne Fälle, zwei winzige Facetten des amerikanischen Justizsystems. Aber diese beiden Fälle reichen aus, um dessen wahre Gestalt zu erkennen. Selbst, wenn man nichts von Stand-Your-GroundThree-Strikes und Mindeststrafenregelung wüsste, selbst wenn einem die unzumutbaren Zuständen in amerikanischen Gefängnissen unbekannt wären, selbst wenn man man keine Ahnung von dem rassistischen War on Drugs hätte, dann würden diese beiden Fälle ausreichen, um zu sagen:

Dies ist Unrecht.

Dies ist ein Unrechtssystem.

Dies ist ein Unrechtsstaat.

Interessanter Flugpfad des AFL150

Auf die Gefahr hin, hier haltlose Spekulationen und Gerüchte zu streuen, ist der Flugpfad des Fluges Aeroflot # 150 (AFL150) von Moskau nach Havanna doch recht merkwürdig.Üblicherweise fliegen Flugzeuge entlang einer der Großkreisrouten wie z.B. hier zu sehen (der gleiche Flug von Moskau nach Havanna, am 08.07.). Dieselbe Route nahmen dabei alle Flüge der Fluglinie Aeroflot, die in den letzten zwei Wochen von Moskau nach Havanna flogen.

08.07.2013

Der Flug AFL150 allerdings geht schnurstracks über den Atlantik und vermeidet dabei ganz offensichtlich amerikanischen Luftraum.

afl150

Ein Schelm wer dabei an Edward Snowden denkt 🙂

PS: Mein Wissen über Flugrouten usw. hält sich in relativ engen Grenzen und es würde mich nicht wundern, wenn es für diese Flugroute eine andere, banale Erklärung gäbe. Falls irgendjemand mehr weiß, bin ich für jede Info dankbar. Vielen Dank an @_stk, durch dessen Blogpost ich auf AFL150 aufmerksam wurde.

 

[Edit: Kaum geschrieben, werden schon Löcher in die Theorie geschossen: Das Washington Post World Views Blog schreibt, dass diverse Flüge Richtung USA wegen Turbulenzen über Grönland die südliche Route wählen. Wie langweilig…]

Nach dem Putsch

Nun ist es also geschehen, was sich bereits seit einiger Zeit angedeutet hat. Das ägyptische Militär hat den demokratisch gewählten Präsidenten, Mohammed Mursi aus dem Amt geputscht und den Vorsitzenden des Verfassungsgerichts als Interimspräsidenten eingesetzt. Die komplette Führungsrige der Muslimbruderschaft, inklusive Mursi selbst, dem Vorsitzenden und Vize-Vorsitzenden der Bruderschaft und dem Vorsitzenden der Freiheits- und Gerechtigkeitspartei wurden in einer wohlorganisierten Aktion festgenommen [EDIT: Zumindest Mohammed Badi, der Vorsitzende der Muslimbrüder scheint noch auf freiem Fuß zu sein]. Die der Muslimbruderschaft nahe stehenden Fernsehsender wurden vom Militär abgeschaltet, Einheiten der republikanischen Garde erschießen demonstrierende Muslimbrüder.

Während die Afrikanische Union den Militärputsch verurteilt und die Mitgliedschaft Ägyptens aussetzt, reagieren westliche Politiker verhalten. In den deutschen Leitmedien trifft die gewaltsame Machtenthebung einer demokratisch gewählten Regierung auf Jubel und Zustimmung. Und in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung versucht Klaus-Dietrich Frankenberger, für Außenpolitik verantwortlicher Redakteur und Mitglied der Trilateralen Kommision, geschäftsmäßigen Zynismus und atemberaubende Naivität zu verbinden: Die europäischen Politiker könnten jetzt natürlich nicht laut losjubeln, weil der „Machtwechsel“ durch eine Intervention des Militärs (lies: mit brutaler Waffengewalt) statt fand. Aber keine Sorge: „Was die Rolle des Militärs anbelangt, so werden Realpolitiker dessen Eingreifen nicht für das Schlechteste halten, um Ägypten vor dem großen Chaos zu bewahren.“ Und überhaupt: „So toll war es mit der verfassungsmäßigen Ordnung nicht!“. Wo Frankenbergers Lobhymne auf die vernünftige Realpolitik, die sich kein Deut um das Schicksal der betroffenen Menschen schert, endgültig die Linie zur Absurdität überschreitet, ist seine Aussage, dass der Westen seinen Einfluss auf das Geschehen nicht überschätzen dürfe, groß sei der wirklich nicht.

Wie bitte?

Der Westen hat keinen Einfluss auf das Geschehen in Ägypten?

Derselbe Westen, der das ägyptische Militär mit Panzern, Kampfhubschraubern und Material zur Demonstrationsunterdrückung regelrecht zugeschüttet hat? Der Westen, der jährlich 1,3 Milliarden US-Dollar an Militärhilfe überweist? Der Westen, der in konstantem Verbindung mit den Generälen stand, während sie ihre Putschvorbereitungen trafen?

Ob der amerikanische Verteidigungsminister Chuck Hagel und der Vorsitzende der Vereinigten Stabschefs der amerikanischen Streitkräfte Martin Dempsey den ägyptischen Generälen das Go gegeben haben, wird wie üblich erst mit dem Ablauf der Geheimhaltungsfrist der Akten heraus kommen. Verwunderlich wäre das nicht, denn die Unterstützung oder Lenkung von Militärputschen ist seit Jahrzenten fester Bestandteil der amerikanischen Außenpolitik. Fest steht aber, dass sie den Militärputsch mit einem Fingerschnippen hätten verhindern können. Eine klare Aussage, dass nach einem Militärputsch keine Chance auf eine Weiterführung der Militärhilfe bestehen würde und das ägyptische Militär wäre in den Kasernen geblieben. Dass sie das nicht getan haben, zeigt, wie gleichgültig den Amerikanern und (wenn auch mit weniger direktem Einfluss) ihren europäischen Verbündeten das Ergebnis von Wahlen ist, wenn diese nicht von den von ihnen präferierten Parteien gewonnen werden.

Was bleibt ist ein Land unter der vollständigen Kontrolle des Militärs, eine Muslimbruderschaft, die ihre Zukunft im Untergrund und im gewaltsamen Kampf suchen wird und die Zerstörung der demokratischen Hoffnungen all jener, die den Militärputsch auf dem Tahrir-Platz mit wehenden Fahnen gefeiert haben.

Edward Snowden und die deutsche Realpolitik

Die schwarz-gelbe Regierung hat erwartungsgemäß Edward Snowdens Asylantrag abgelehnt. „Die Voraussetzungen für eine Aufnahme liegen nicht vor“ ist die dürre Erklärung des Auswärtigen Amts. In den Medien werden diverse Gründe für die Ablehnung aufgezählt, Experten überschlagen sich, zu erklären, warum es Deutschland – leider, leider- überhaupt nicht möglich sei, Snowden aufzunehmen. Asylanträge müssen auf deutschem Boden gestellt werden, Deutschland hat ein Auslieferungsabkommen mit den USA unterzeichnet, usw. usw., was derlei Ausreden halt so sind.

Dass keines dieser vorgeschobenen Argumente tatsächlich der Grund dafür ist, Snowden das ihm ohne Zweifel zustehende Asyl zu verweigern, dürfte offensichtlich sein. Die Bundesregierung lehnt ein Asyl Snowdens aus rein politischen Erwägungen ab:

1. Die Bundesregierung ist nicht bereit, den Zorn der USA zu riskieren. Die merkwürdigen Vorgänge um die erzwungene Landung des bolivianischen Präsidenten Evo Morales zeigen, wie weit die USA bereit sind zu gehen, wenn auch nur der Verdacht besteht, dass Snowden sich der amerikanischen Verfolgung entziehen könnte. Wäre Snowden tatsächlich an Bord von Morales Flieger gewesen, gibt es irgend jemanden der überrascht gewesen wäre, wenn er in Wien von CIA-Agenten in Empfang genommen und direkt in einem amerikanisches Hochsicherheitsgefängnis gelandet wäre? Gegen den wütenden Protest Morales und der Weltbevölkerung, aber wann haben die Vereinigten Staaten sich daran je gestört? Präzedenzfälle gibt es genug.

Um wieviel stärker wäre die Reaktion gewesen, wenn ein vermeintlich willfähriger „Partner“ wie Deutschland sich erdreisten würde, das Recht auf Asyl tatsächlich ernst zu nehmen. Zwar wäre Deutschland als wirtschaftlich und politisch verhältnismäßig stabiler Staat durchaus in der Lage , dem amerikanischen Druck stand zu halten, aber ohne unangenehme Konsequenzen für die deutsche Bevölkerung und – was für die schwarz-gelbe Regierung mehr zählt – für deutsche Untenehmen, würde es trotzdem nicht ablaufen.

2. Die Bundesregierung hat überhaupt kein Interesse, die Überwachung durch die NSA und den britischen GCHQ zu thematisieren. Der deutsche Bundesnachrichtendienst hat seit der Änderung des G10-Gesetze 2009, das Recht, die Kommunikation im Netz zwischen Deutschland und dem Rest der Welt „auf verdächtige Inhalte zu überprüfen“ – sprich, die Daten zu speichern und auszuwerten. Der BND macht von dieser Möglichkeit auch regen Gebrauch und nur der Zufall des Fall Snowden führte dazu, dass die Erhöhung des Überwachungsbudgets um 100 Millionen überhaupt von den Medien aufgegriffen wurde. Warum sollte die Bundesregierung also irgend etwas an Prism, Tempora & Co auszusetzen haben, wenn sie (mit zugegeben kleineren Mitteln) exakt das gleiche durchführt?

Es verwundert damit auch nicht, dass die halbherzigen Empörungsgesten der Kanzlerin keinerlei Konsequenzen nach sich ziehen und schon gar nicht solch wichtige Projekte wie das geplante Freihandelsabkommen zwischen den USA und der EU gefährden werden. Zwar ist es lobenswert, dass sowohl Grüne, Linke, Piraten und einzelne Versprengte aus Union und SPD ein Asyl für Edward Snowden befürworten. Allerdings erscheinen die Beteuerungen, insbesondere der Grünen, angesichts ihres wohldokumentierten Verhaltens in der El-Masri-Affäre als reines Wahlkampfmanöver.

Die Gelegenheit, in diesem Kampf zwischen einem übermächtig gewordenen Sicherheits- und Überwachungsapparat und einem mutigen und prinzipientreuen Whistleblower auf der richtigen Seite zu stehen, hat die Bundesregierung ungenutzt verstreichen lassen. Der fehlende Aufschrei und die unkritische Reaktion der Öffentlichkeit zeigt, wie sehr die Mehrheit der Menschen es sich im erschreckenden Status Quo der Totalüberwachung bequem gemacht hat.

Die Süddeutsche Zeitung spricht sich für einen Militärputsch in Ägypten aus

Das die demokratische Befähigung arabischer Länder in den deutschen Leitmedien gerne in Frage gestellt wird, ist ja nicht wirklich etwas Neues. Das aber die Süddeutsche Zeitung in dem zynisch betitelten Kommentar Neuwahlen für Ägypten des BMW-Lobbyisten Jürgen Chrobog direkt zu einem Militärputsch aufruft, ist dann doch noch ein anderes Kaliber. Chrobog beschreibt durchaus vorhandene Probleme Ägyptens wie die schlechte Situation der Frauen, Preissteigerungen bei Grundnahrungsmitteln, den wegbrechenden Tourismus, für die er allesamt die Regierung Mursis als Schuldigen ausgemacht hat. Crobog entblödet sich nicht einmal, die Regierung der Muslimbrüder für den chaotischen Verkehr verantwortlich zu machen.

Das die Frauenrechte auch unter Mubarak katastrophal waren, das der Tourismus naturgemäß unter einer Revolution zu leiden hat und das die Preise für Grundnahrungsmittel (unter anderem wegen Nahrungsmittelspekulationen westlicher Großinvestoren) gerade in der Mehrzahl der Schwellenländer schwindelerregende Höhen erreichen… keiner dieser Punkte ist für Chrobog auch nur der Erwähnung wert. Und für die Tatsache, dass der ägyptische Straßenverkehr im Jahr 2010 unter Mubarak der mit 12.000 Toten zu einem der gefährlichsten der Welt gehörte, würde er mit Sicherheit auch noch einen Grund finden, dies den Muslimbrüdern in die Schuhe zu schieben.
Aber für all diese Probleme hat Chrobog eine einfach Lösung parat: Die Machtübernahme durch das Militär. Die ägyptische Armee sollte „einen neutralen Ministerpräsidenten einsetzen, der so notwendige Zeit erhält, Strukturen im Land aufzubauen, die eine Teilnahme an Wahlen ermöglichen“ (lies: dafür zu sorgen, dass die Bevölkerung nicht wieder den Fehler begeht, die Muslimbrüder in die Regierung zu wählen).

Das ägyptische Militär ist mit Abstand der schädlichste Akteur im Machtkampf, der in Ägypten seit der Revolution tobt. Die negative Bilanz der Muslimbrüder in den Bereichen Sicherheit, Menschenrechte und Meinungsfreiheit sind unbestritten. Und selbstverständlich verdienen diejenigen, die gerade in Ägypten für Demokratie und Meinungsfreiheit und gegen Mursi auf die Straße gehen, unsere vollste Unterstützung. Aber im Vergleich zu den massiven Menschenrechtsverletzungen des Militärs, deren rücksichtslose Unterdrückung von Bloggern und Menschenrechtsaktivisten und dem Würgegriff, in dem das Militär die Wirtschaft des Landes gefangen hält wirkt die Regierung Mursi wie ein Musterbeispiel an Demokratie und Toleranz.

Interessant ist an dieser Stelle auch die massive Zusammenarbeit der deutschen Rüstungsindustrie mit dem ägyptischen Militär. Von 2004 bis 2012 wurde von Deutschland munter Rüstungsmaterial nach Ägypten verkauft, unter anderem Panzer, die essentiell waren für die Bekämpfung der Revolution durch Mubarak. Jürgen Chrobog war bis 2010 im Aufsichtsrat der Waffenschmiede Ferrostaal, die wegen Bestechung eine Strafe von 140 Million Euro zahlen musste und die für ihre außerordentlich korrupten Geschäftspraktiken (unter anderem auch in Ägypten) berüchtigt ist.

Dass Jürgen Chrobog dann doch tatsächlich das Militär als „Statthalter der ägyptischen Demokratie“ einsetzen möchte, verwundert in diesem Zusammenhang nicht. Länder wie Brasilien, Chile und Guatemala tragen noch heute an Folgen der brutalen Unterdrückung durch Militärdiktaturen. Für diese Länder ist die Herrschaft des Militärs glücklicherweise nur noch eine Erinnerung.

Jürgen Chrobog möchte diese Regierungsform für Ägypten ganz offensichtlich wieder beleben.